Esport-Profi in Deutschland – Früh übt sich, aber mit Hindernissen

4. März 2022 |

Lea Neuhaus-Nußbaum

AJ (kungfu_AJ) hat bereits 10.549 Follower auf Twitch. Und das mit unter 13 Jahren. Zusammen mit seinem Vater Andreas streamt er CS:GO, ein Spiel, das in Deutschland die USK-Kennzeichnung 16 erhalten hat. AJs Ziel ist dabei klar: Er möchte Esportler werden. Doch das wird ihm in Deutschland aufgrund seines Alters nicht immer leicht gemacht. Wir haben persönlich mit AJ und seinem Vater über AJs bisherigen Werdegang gesprochen. 

Wie alles begann

2017 arbeitete AJs Vater Andreas in einer Agentur für Marketing und kam im Zuge dessen in Kontakt mit Twitch. Um die Plattform kennenzulernen, probierte er sie zusammen mit seinem Sohn AJ aus. Schnell merkten die beiden, dass es ihnen großen Spaß machte, zusammen zu spielen. Erst wurde Minecraft ausprobiert, dann Fortnite. Während Andreas sich nur zögerlich an die Spiele herantastete, zeigte sich bei AJ sehr bald ein Talent für das Gaming. Das fiel auch der Community auf, die ihnen riet, einmal CS:GO auszuprobieren. Und so fing alles an.

USK-Kennzeichen als falsch verstandene Grenze

Andreas hat sich mit der Esportler-Szene beschäftigt. Dabei hat er festgestellt, dass die meisten, die jetzt Profis sind, im Alter von 8-10 Jahren angefangen haben –  auch mit Spielen wie CS:GO. Das wird in der Community sogar offen kommuniziert, allerdings meist eher rückblickend. Wenn ein heute 18-jähriger Profi sagt, dass er mit 10 Jahren anfing, CS:GO zu spielen, würde niemand Kritik äußern. Sieht man aber jetzt z.B. einen 12-jährigen CS:GO streamen, regt sich oftmals Unmut. So auch gegenüber AJ. Nicht umsonst steht auf der Twitch-Seite von AJ und Andreas der Hinweis, dass keine Belehrungen von Altersfreigaben über Spiele erwünscht ist. Das Problem: Vielen ist nicht bewusst, dass das USK-Kennzeichen keine allgemeine Altersfreigabe, sondern lediglich eine Beschränkung für den Handel ist. Dadurch wird geregelt, an wen ein Spiel in der Öffentlichkeit abgegeben werden darf. Ausdrücklich nicht geregelt wird dadurch, wie und welche Medieninhalte Eltern ihren Kindern zugänglich machen dürfen. Natürlich können Eltern die USK-Kennzeichnung als Empfehlung heranziehen, aber am Ende müssen sie selbst beurteilen, ob ihre Kinder die nötige Reife haben, um ein Spiel zu spielen oder eben nicht. Und so ist auch Andreas davon überzeugt, dass AJ ein Spiel wie CS:GO seinem Entwicklungsstand entsprechend sehr gut spielen könne. Diesen Standpunkt musste er allerdings sehr oft verteidigen. So wurde er in den Streams immer wieder darauf angesprochen, dass CS:GO „ab 16“ sei, was immer wieder zur gleichen Diskussion führte. Um dies zu vermeiden, hat Andreas den Disclaimer aufgenommen. AJs Alter soll für den Stream keine Rolle spielen. So ganz vermeidbar ist das aber leider nicht. Das USK-Kennzeichen wird als Grenze wahrgenommen. Kritisch wird das vor allem, wenn das nicht nur Zuschauer, sondern auch Angehörige der Esports-Szene, wie etwa Team-Manager so wahrnehmen.

Altersbeschränkung als Liga-Grenze

Aufgrund seines Talents versuchte AJ so etwa auch, in die deutsche CS:GO Liga 99:Damage aufgenommen zu werden, um bei der ESL-Meisterschaft teilzunehmen. Denn das reine Spielen macht noch keinen Profi, wichtig ist vor allem die Wettkampferfahrung. Allerdings erhielt er eine Absage. Der Grund: In den Statuten der Liga ist vermerkt, dass der Spieler mit der Teilnahme bestätige, das in seinem Land vorschriftliche Alter zum Spielen von CS:GO erreicht zu haben. Auf Rückfrage durch Andreas sei das erst bei einem Alter von 16 Jahren der Fall. Und obwohl Andreas darauf hinwies, dass diese Altersgrenze für das reine Spielen mit Erlaubnis der Eltern eben gerade nicht erreicht sein müsse, blieb es bei der Absage. Ein Spieler unter 16 war Andreas‘ Vermutung nach rechtlich als auch gesellschaftlich vielleicht einfach ein zu heißes Eisen.

Deutschland als Schlusslicht

Es klingt danach, als würde den jungen aufstrebenden Profis in Deutschland keine wirkliche Chance gegeben werden. In anderen Ländern sieht das anders aus. So gibt es in Dänemark etwa Vereine, die schon Kinder in Gaming-Wettkämpfen schulen, auch in CS:GO. Das wäre auch in Deutschland sinnvoll, findet Andreas. Denn die Kinder spielen CS:GO sowieso. Warum sollte man ihnen daher nicht eine sinnvolle Struktur durch einen sportlichen Rahmen geben? Denn wie auch in anderen Sportarten lernt man beim Esport wichtige Kompetenzen wie Führungsfähigkeit, Motivationsfähigkeit und Kritikfähigkeit. Erst recht, wenn ein Spielen im Team ermöglicht wird. Dabei wäre es nach Andreas‘ Ansicht auch wichtig, dass die Kinder in gleichaltrigen Teams spielen, allein schon, um einen gemeinsamen Zeitplan zu haben. AJ ist jetzt in der europäischen Liga ESEA, die anders als die deutschen Ligen keine Altersbeschränkung hat. Das gefällt ihm auch gut, allerdings sind viele der Spieler dort sehr viel älter als AJ und haben einen gänzlich anderen Tagesablauf. AJ muss tagsüber zur Schule und abends zu einer angemessenen Zeit ins Bett. Die älteren Spieler sind da deutlich flexibler, was zu Problemen führen kann.

Interessierte Eltern gesucht

Andreas führt die negative Wahrnehmung von CS:GO in Deutschland darauf zurück, dass hierzulande in vielen Köpfen noch die „Killerspiel“-Debatte rund um den Amoklauf 2001 in den Köpfen verankert ist. So auch in den Köpfen vieler Erziehungsberechtigter. Hier wird wahrscheinlich erst ein Generationswechsel helfen. Andreas würde sich aber freuen, wenn sich mehr Eltern finden würden, die das Thema so wie er betrachten. So weit, dass es in Deutschland ernsthafte Vereine wie in Dänemark geben könnte, seien wir hier jedenfalls noch nicht. Dafür fürchten sich nach Ansicht von Andreas doch zu viele Unternehmen oder mögliche Anbieter noch vor einem „Shitstorm“. Die Nachwuchsförderung bleibt dadurch aber leider ein wenig auf der Strecke. Andreas appelliert darum an interessierte Eltern, sich gerne bei ihm zu melden. Er freue sich über jeden, der dem Thema offen gegenübersteht und sich darüber informieren möchte. Und wenn sich dadurch Gleichaltrige finden und fördern lassen können – umso besser.