Keine Anglizismen mehr in französischen Esport: Tradition vs. Globalisierung

4. Juli 2022 |

Lea Neuhaus-Nußbaum

In Frankreich ist nun Schluss mit „Streaming“ und „Gamern“. Das wurde offiziell in einem Amtsblatt entschieden. Der Zweck: Den „Verfall“ der französischen Sprache bremsen und Anglizismen einen Einhalt gebieten. Doch wie sinnvoll ist das in einem Bereich, der doch gerade von der Globalisierung lebt? 

Sprachbarrieren beseitigen oder erschaffen?

Aus „Esport“ wird „jeu vidéo de compétition“, aus „cloud gaming“ wird „jeu vidéo en nuage“. Laut dem französischen Kultusministerium sollen diese Anpassungen Sprachbarrieren beseitigen und so auch verständlich für die Menschen werden, die kein Englisch sprechen. Die französische Sprache soll dadurch erhalten werden, dass weniger englische Worte und wieder vermehrt französische Worte verwendet werden. Auf den ersten Blick scheinen diese Worte allerdings nicht gerade barrierefrei zu sein, sondern vor allem eins: deutlich länger. Wenn „free to play“ zu „jeu en accès gratuit“ wird, dann fragt man sich doch unwillkürlich, wo da noch der Vorteil bleibt.

Natürlich ist es nachvollziehbar, dass ein Land seine Sprache bewahren möchte. Doch in einem Bereich wie Esports, der gerade davon lebt, dass zahlreiche Menschen aus zahlreichen Ländern auf einer Plattform miteinander agieren, scheint dies nicht ganz dem Sinn der Sache zu entsprechen.

Positives Feedback aus Kanada

Die Nationen, die mit dem Französischen verbunden sind, wie etwa auch Kanada, sind von dieser Idee allerdings überzeugt. So gab die Direktorin der Videospielgilde Québec, Nadine Gelly, gegenüber Radio Canada etwa an, Französisch sei eine reiche, poetische und lebendige Sprache […] und habe das Potenzial, die Führungsposition in der Frankophonie und weltweit im Bereich der Videospielentwicklung weiter zu verankern. Hier wurden sogar Lernspiele zur Förderung der französischen Sprache entwickelt, vor allem für den Bereich der Industrie und des Handwerks. Anlässlich des Internationalen Tages der Frankophonie am 20. März hatte der Entwickler Affordance 2021 die kostenlose Online-Plattform „Ludmo“ ins Leben gerufen, die mehrere Spiele und digitale Tools umfasst. Man hatte erkannt, dass Games ein wichtiger Zugang für das Lernen darstellen. Wer spielerisch lernt, lernt besser. Und das funktioniert auch mit einer Sprache. 

Elektronische Sportwettkämpfe oder doch lieber competicións de deportes electrónicos?

Die Idee ist gut und auch nachvollziehbar und funktioniert innerhalb dieses Projektes sicher auch hervorragend. Etwas Vergleichbares würde auch in Deutschland gut funktionieren. Doch sobald man sich aus dem eigenen Land herausbewegt, wird das schon schwieriger. Es mag sein, dass es innerhalb eines Landes wichtig ist, die eigene Sprache zu fördern. Aber auch im globalen Sektor? Sollen demnächst wirklich deutsche „elektronische Sportwettkämpfe“ den spanischen „competicións de deportes electrónicos“ gegenüberstehen? Und wie übersetzt man Worte, für die es gar keine wirkliche Übersetzung gibt, wie etwa „online“ oder „offline“? Muss man etwas übersetzen, das eigentlich jeder versteht? Und wenn es tatsächlich jemand nicht versteht – würde diese Person sich dann überhaupt für „elektronische Sportwettkämpfe“ interessieren? 

Kritik vor allem aus UK

Kritik gibt es für diese Bemühungen rund um die französische Sprache vor allem von der englischsprachigen Seite. So bezeichnet etwa die Online-Zeitschrift „Metro.co.uk“ die französischen Wortschöpfungen vor allem als eines: „a bit awkward“. Das Online-Magazin „esports-news.co.uk“ zitierte dazu sogar einen Professor für Sportwissenschaften der Universität Paris, Nico Besombes, der ihnen gegenüber äußerte, dass diese Änderungen nicht die geringsten Auswirkungen haben würden.

Bereits vor 10 Jahren habe die Académie Française vorgeschlagen, „esports“ in „télésport“ umzubennennen, ohne dass sich jemand daran gehalten habe. Und das klingt tatsächlich realistisch. Die Anglizismen sind schließlich mit der Entwicklung im Online-Bereich mitgewachsen. Wer sich online „aufhält“, der wird auch die dazugehörige Sprache verwenden. Daran wird sich wenig ändern, auch, wenn nun Lehrkräfte und andere offizielle Stellen die „traditionelleren“ Wortschöpfungen benutzen.

Der Zwiespalt

Es scheint somit eine Art Zwiespalt zu sein zwischen einer modernen, global aufgestellten Verständigung und dem Wunsch, die eigene Sprache dabei nicht in den Hintergrund treten zu lassen. Nachvollziehbar ist das sicherlich. Aber vielleicht auch schlicht und einfach unvereinbar? Es gibt möglicherweise einfach Bereiche, die besser funktionieren, wenn mit einheitlichen Worten gearbeitet wird – erst recht, wenn diese Worte auf den ersten Blick doch etwas gefälliger wirken. Aber ist das nun ein „Mitderzeitgehen“ oder geht dadurch wirklich ein Stück der eigenen Sprache verloren? Hier ist definitiv Raum für Diskussionen. Haben Traditionen noch Platz in unserer neuen, digitalen Welt? Ist es rückschrittlich, darauf zu bestehen? A bit awkward? Oder ist die Intention eigentlich die Richtige?