Der Ukraine-Konflikt im Esport

31. Mai 2022 |

Lea Neuhaus-Nußbaum

Der Ukraine-Konflikt, der nun bereits seit Februar andauert, hat verheerende Folgen für alle Beteiligten. Doch nicht nur die Menschen in der Ukraine sind davon betroffen – seine Auswirkungen sind weltweit zu spüren. Auch im Esport. Viele russische Teams wurden von Ligen ausgeschlossen. Fair? Oder geht dies nicht doch einen Schritt zu weit?

Ausschluss russischer Teams

Russische Teams wurden in den vergangenen Monaten von zahlreichen Veranstaltungen ausgeschlossen. Bei sportlichen Wettbewerben waren sie nicht mehr vertreten. Vor allem der Ausschluss der russischen Spieler aus Wimbledon sorgte für Kritik. Doch auch die russischen Esportler müssen sich derzeit ähnlichen Restriktionen stellen. Viele Esports-Verbände schließen nun russische Teams von Meisterschaften aus. So auch die European Esports Federation (EEF), die am 10. Mai 2022 auf ihrem Twitter Account verkündete, dass man nun, nachdem man zunächst jegliche Verwendung russischer Symbole wie z.B. Flaggen verboten hatte, nun auch die russischen Teams von der Teilnahme der diesjährigen Championship ausschließen werde. Im Tweet wurde zwar festgehalten, dass man sich durchaus bewusst sei, dass die russischen Esportler keinen Einfluss auf die aktuelle Lage in der Ukraine hätten, jedoch hätte man sich aufgrund der Eskalation der Gewalt in der Ukraine mit zahlreichen zivilen Opfern zu diesem Schritt entschieden.

Und auch die ESL hat auf ihrer Website ein Statement veröffentlicht, in dem festgehalten wird, dass man im Hinblick auf die kommende ESL Pro League entschieden habe, dass „Organisationen mit offensichtlichen Verbindungen zur russischen Regierung, einschließlich Personen oder Organisationen, die unter angeblichen oder bestätigten EU-Sanktionen im Zusammenhang mit dem Konflikt stehen“, nicht vertreten sein werden. Genannt hatte die ESL damals explizit 2 Teams: Virtus.pro und Gambit.

„Cancel culture”?

Virtus.pro ist ein professionelles russisches Esport Team, das vor allem für CS:GO und Dota 2 bekannt ist. Das Team hat sich inzwischen bereits öffentlich gegen die Sanktionen ausgesprochen, insbesondere gegen den Ausschluss durch die ESL. In einem Tweet fand der Verein scharfe Worte: Es gäbe keine rationalen Gründe für einen Ausschluss, vielmehr gehe es hierbei wohl eher um Vorurteile und Druck von außen. Man erlebe hier ein Paradebeispiel der „cancel culture“. Die ESL hatte den Spielern zuvor angeboten, unter neutralen Symbolen ohne Länderbezug zu spielen. Das Team von virtus.pro stehe dem laut seines Statements nicht entgegen, trotzdem wollten sie sich öffentlich gegen die von ihnen empfundene Ungerechtigkeit aussprechen. In der Fangemeinde traf dies allerdings nicht nur auf Zuspruch. Viele warfen dem Team vor, sich nicht ohne Weiteres vom Konflikt distanzieren zu können, da sie in der Vergangenheit von verschiedenen öffentlichen russischen Stellen gefördert worden seien. Insbesondere der Ausdruck „cancel culture“ wurde von vielen negativ aufgegriffen, denn darum gehe es nach Ansicht der Community nicht. Viele twitterten sogar, das Team habe sich durch dieses Statement nun selbst „gecancelt“.

Andere russische Teams, wie etwa Team Spirit, reagierten gänzlich gegensätzlich auf die aktuelle Krise. So veröffentlichen sie etwa ein Statement, von Moskau nach Belgrad umzuziehen – aus praktischen und auch ethischen Gründen. Während der GAMERS GALAXY: Dota 2 Invitational Series in Dubai war das Team bereits in „Peace“-Shirts angetreten, um ein Zeichen für den Frieden zu setzen. Kritik aus der Community hatte es hier nicht gegeben.

Sinnvolle Sanktionen?

Es zeigt sich somit deutlich, dass die Krise gerade für russische Teams einen Drahtseilakt darstellt. Sie müssen nicht nur mit Ausschlüssen, sondern auch mit massivem Gegenwind aus der Community rechnen. Wer jetzt die falschen Worte wählt, macht sich angreifbar. Das ist nachvollziehbar, denn angesichts dessen, was zurzeit in der Ukraine passiert, sind die Gemüter zu Recht erhitzt. Die Chance, ein Zeichen für den Frieden zu setzen, sollte dabei jeder wahrnehmen, der in der Öffentlichkeit steht – und sei es eben nur durch das Tragen entsprechender Shirts. Doch ob man Teams wirklich verbannen sollte, ist die andere Frage. Denn es ist, wie die EEF bereits festgestellt hat, so, dass die Spieler tatsächlich keinen Einfluss auf das Geschehen haben. Wo fangen also sinnvolle Sanktionen an? Und wo hören sie auf? Hier ist definitiv Spielraum für Diskussionen. Nur eins steht fest: Es zeigt sich einmal mehr, wie sehr Esport – genau wie jeder andere Sport – mit aktuellen Geschehnissen und der globalen Politik verflochten sind. Schließlich geht es hier um Menschen. Und somit auch um den richtigen Umgang miteinander – im Spiel wie auch im echten Leben.